Politischer Impuls: Hege statt Gewalt

In der durch den Kapitalismus geschaffenen umfassenden Warensammlung sind die Grenzen der Naturwüchsigkeit prinzipiell aufgehoben. Folglich dominiert die Gewalt gegenüber dem Gegenstand. Ist die Sammlung aber einmal gegeben, liegt ihre Konstitution hinter ihr. Wie sie zustande gekommen ist – ob durch Hege oder Gewalt – interessiert dann nicht mehr. Der Betrachter der Sammlung nimmt nur noch wahr, dass eine Sammlung existiert. Und wie ein Betrachter verhält sich auch der Sammler selbst. Die Genesis der Sammlung kann vergessen werden. Die Sammlung als fertige Form stellt dann zwischen den einzelnen Gegenständen einen äußerlichen Zusammenhang her. In diesem äußerlichen Zusammenhang werden die Gegenstände zu Dingen.“ (Zitat aus meiner Magisterarbeit aus 1975 „Die Marxsche Hegelrezeption am Beispiel des 1. Kapitels des ‚Kapital’“*, S. 32/33/Fettung nachträglich von mir).

Das Zitat verweist auf ein systemisches Problem der verallgemeinerten Warenproduktion des Kapitalismus. Diese tendiert im Rahmen der Zwangsakkumulation (genannt „Wachstum“) durch Entfremdung von der Natur und Gleichgültigkeit zur Gewalt gegenüber den Gegenständen** und damit zur systemischen Verletzung ökologischer Zusammenhänge. Das CO2-Problem und die damit verbundene schleichende Klimakatastrophe sind davon nur – allerdings besonders bedrohliche – Teilaspekte.

Zur Verdeutlichung ein Bloch-Zitat: „So erhellt immer wieder: Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee in Feindesland, und vom Landesinnern weiß sie nichts, die Materie der Sache ist ihr transzendent“ (Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main 1959, Band 2, S. 814)***. Diese Diagnose gilt natürlich noch viel mehr von der verallgemeinerten kapitalistischen Warenproduktion.

Insofern ist eine „sozial-ökologische Marktwirtschaft“ (aktueller grüner Slogan) eigentlich ein Widerspruch und macht nur insofern Sinn, als hegende Reparaturmaßnahmen im Vorgriff auf eine wirklich humane und in Beziehung auf die Natur und „die Materie der Sache“ möglichst gewaltfreie Ökonomie (Dominanz der Hege!) besser sind als keine.

In der Konsequenz der genannten Erkenntnis habe ich mich seit 1975 politisch engagiert: Bei den Grünen (Mitgründung der Grünen 1980) in ihrer nicht und dann noch nicht ganz angepassten Phase bis 1999, darüber hinaus in diversen kommunalpolitischen Zusammenhängen (u.a. in der kommunalen Liste für Basisdemokratie und Umweltschutz, die zu den Wittener Kommunalwahlen 1979 angetreten ist) bis heute.

*Hier die vollständige Magisterarbeit: Magisterarbeit Klaus Riepe

Zur Arbeit zwei Anmerkungen:

– Nach 45 Jahren ließe sich zu den „metaphysischen Spitzfindigkeiten“ und „theologischen Mucken“ der marxschen Waren- und Wertformanalyse einiges mehr sagen (Zitat Karl Marx, MEW, Bd. 23, S. 85: „Die Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein vertrackte Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeiten und theologischer Mucken.“). Die Arbeit ist schnell geschrieben worden. Dass ich mit meiner Interpretation der marxschen Adaption der hegelschen Seinslogik nicht ganz falsch lag, macht die instruktive Arbeit von Fred E. Schrader deutlich: Fred E. Schrader, Restauration und Revolution, Hildesheim 1980.

– Ich war zur Zeit der Abfassung Mitglied der DKP. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich durch die knappe Lenin-Einschätzung in meiner Arbeit in der DDR wahrscheinlich unter die Räder gekommen wäre. Lenins Vorschlag für die Lektüre der hegelschen Logik (nach Hegel „die Darstellung der Gedanken Gottes vor Erschaffung der Welt“), durch die Streichung Gottes die Grundlagen einer materialistischen Dialektik zu erschließen, ist schon sehr skurril: Die Gedanken Gottes bleiben auch nach Streichung des Namens theologisch. Siehe aber oben bei Marx: „metaphysische Spitzfindigkeiten“ und „theologische Mucken“!

**Diese Tendenz existiert natürlich auch – unvermittelt oder vermittelt – gegenüber Menschen. Die Fleischindustrie ist ein aktuelles und prägnantes Beispiel.

***Einen guten Einblick in das Niveau der frühen ökologisch-politischen Diskussion bietet die Broschüre „Marxismus und Naturbeherrschung/Beiträge zu den Ersten Ernst-Bloch-Tagen, Tübingen 1978, Verlag 2000 GmbH Offenbach 1979“, die ich in meiner Bibliothek gefunden habe. Wenige Exemplare sind noch im Antiquariat (amazon: 1, ZVAB: 2) erhältlich.